Musikschule Horrenberg-Dielheim
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„Hummelflug“ – Bericht von einem ganz besonderen Ereignis

Williams-Beuren-Landestreffen
in Dielheim/Kraichgau am 19. September 2015

Ach –
sie wollten eigentlich nur zum Film?
Den gibt es hier –
 
Hummelflug
 
aber Sie benötigen dafür ein Passwort.
Fragen Sie in der Musikschule nach.

…und hier die schriftliche Nachlese zum „ganz besonderen Ereignis“:
 
 
Nach den anerkannten flugmechanischen Gesetzen kann die Hummel
wegen ihrer Gestalt und ihres Gewichtes
im Vergleich zur Fläche ihrer Flügel
nicht fliegen.

Aber die Hummel weiss es nicht und fliegt trotzdem.

 
Dielheim, den 19. September 2015

Knapp 30 Hummeln trafen sich an diesem schönen Samstag mit einigen fleissigen Honigbienen zu einem gemeinsamen Flugtag.

Das Wetter war angenehm, nach einem eher kühlen Morgen kam gegen Mittag die Sonne auf – ideale Flugbedingungen.

Geplant war ein Rundflug mit festgelegtem Startpunkt, festgelegter Route und festgelegtem Ziel.

In den Räumen der Musikschule Horrenberg-Dielheim, einem alten Pfarrgebäude in der Dorfmitte, wollten Profimusiker ihren Gästen, jungen Williams-Beuren-Menschen aus ganz Baden-Württemberg, „etwas beibringen“.

28 Familien hatten sich angemeldet, 28 Williams-Beuren-Menschen, 20 von ihnen über 5 Jahre alt, 17 Geschwisterkinder, dazu Mamis, Papis, Freunde, sonstige Familienangehöige.

Um niemanden zu benachteiligen & damit wirklich alle mitmachen können und ihren Spass haben, sah der Plan vor, zu den Stationen einer kleinen Bildergeschichte einfache akustische Athmos zu erarbeiten, Mischungen aus Geräuschen, perkussiven Elementen und natürlich auch etlichen instrumentalen Anteilen,
es war ja im Vorfeld gemeldet worden, dass einige der Gäste ein Instrument spielen, und die sollten natürlich auch nicht zu kurz kommen.
Für die Geschwisterkinder bestand das Angebot, mit unserer Choreographin gemeinsam Figuren zu erarbeiten, die später von den musikalisch-akustischen Beiträgen aus den Musikarbeitsgruppen begleitet werden sollten.

Aber die Hummeln wussten das nicht und flogen einfach:-)

Immerhin flogen sie nicht weg, sie sind ja dann doch sehr höflich.

Unsern Musikprofis halten wir zugute: sie sind flexibel, sie können improvisieren, das ist immerhin ihr Job.
Die Gäste konnten aber auch improvisieren, das ist ihre besondere Gabe.

Und so wurde das schöne, schöne Konzept schon gleich vor Beginn der Veranstaltung dahin geschickt, wo es hingehörte – auf den Konzeptfriedhof.
Und die Hummeln und die Bienen, die Menschen mit und ohne Williams-Beuren-Eigenschaften, begannen, miteinander zu fliegen – will sagen – zu musizieren.

Die Bienen hatten viel zu staunen – und einiges zu verdauen.
Immerhin unterrichten sie alle an der Musikschule, einige schon seit vielen Jahren, einige haben im Verlauf dieser Jahre Erfahrungen mit hunderten von Schülern gesammelt.
Aber so geht’s da normalerweise nicht zu.

„Normalerweise“
– eine Erwachsene Frau mit Williams-Beuren-Eigenschaften sagt in dem Dokumentarfilm „Williams-Beuren-Syndrome – a highly musical species“ (den wir im Rahmenprogramm für die Eltern zeigten) über ihre Erfahrungen und ihr Leben mit dem Williams-Beuren-Syndrom:
„…wenn man über das alles nachdenkt – was ist schon normal und was ist unnormal?“

Wir wissen es auch nicht.
Und fliegen weiter:-)

Anstatt die geplanten Arbeitsgruppen zu bilden, setzten wir uns alle zusammen in eines der großen Zimmer im Edith-Stein-Haus, gaben zunächst einmal Rhythmusinstrumente aus und begannen gemeinsam zu trommeln, zu klatschen, zu singen.

Und ab diesem Moment begannen die Grenzen zwischen den Bienen und den Hummeln zu verschwimmen.

Konzentrierte Gesichter, Freude, ab & zu ein begeisterter Aufschrei – und ein einziger Rhythmus.
Es fällt nicht – wie wir das gewohnt sind – andauernd jemand aus dem Takt,
egal was wir vorgeben – die Hummeln folgen.

Sehr seltsam.
Und berührend.
Und faszinierend.

Während „die Großen“ (eigentlich alle, die älter als vier Jahre sind und die Lust hatten, bei der Musik mitzumachen) dazu übergingen, die vorhandenen Musikinstrumente in Besitz zu nehmen (Kontrabass, Glockenspiel Xylophon, Flöte, Saxophon, Flügel, Epiano, Mundharmonika, alle möglichen Perkussionsionstrumente) probierten „die Kleinen“ mit Mami und/oder Papi ein Stockwerk tiefer aus, was so in einem Eltern-Kind-Kurs im allgemeinen vor sich geht.

Auch Tine Gross, Musiktherapeutin und MItarbeiterin der Musikschule, fiel sofort auf, dass alle Kinder große Freude an der Musik hatten und sich völlig selbstverständlich – auch die Kleinsten – in einen gemeinsame Rhythmus „einklinken“ konnten -> taktfest sind – dafür machen wir mit den „Normalos“ monatelang musikalische Früherziehung!

Die Geschwisterkinder wollten wir nicht mit einem Malbuch abfertigen, während ihre Brüder & Schwestern mit den Musikprofis unterwegs sind. Sie müssen oft genug „Rücksicht nehmen“, „vernünftig sein“, sich zurücknehmen.
Stattdessen bot unsere Choreografin Christina Liakopoyloy vom Tanztheater Nostos in Heidelberg einen parallelen Workshop an; geplant war, die musikalischen Themen der Musikanten mit tänzerischen Mitteln aufzubereiten und darzustellen.
Einige waren etwas überrumpelt von dem Angebot, aber es fanden sich doch einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Der Vormittag vergeht wie im Flug.
(Ja, eben. Wie denn sonst.:-)

Nachdem die Eltern den Pfarrgarten mit Biergarnituren bestückt und den Grill in Gang gesetzt haben (der Oberwetterfrosch hat ein einsehen und schickt Sonne!) und alle Gäste sich’s im Garten gemütlich gemacht haben,
kommen viele Gespräche unter Eltern und Angehörigen zustande, Bekanntschaften werden geschlossen, Erfahrungen ausgetauscht, „erfahrene“ WBS-Eltern und „frischgebackene“ WBS-Eltern treffen aufeinander, erzählen, machen Mut, relativieren eigene Erfahrungen.
20 Personen haben sich noch nebenbei im „Gemeindekino“ den Dokumentarfilm aus dem Jahr 1995 über einen einwöchigen künstlerisch/musikalischen Workshop mit Profimusikern und WBS-Menschen in den USA angeschaut – auch der gibt viele Denkanstösse und neue Aspekte.

Wir planen derweil den weiteren Verlauf des Tages – für den Film „Gabrielle“ reicht die Zeit nicht mehr, das ist schon klar, es sind Leute aus Freiburg und sogar aus München gekommen, wir müssen gegen 16 Uhr einen Abschluß finden, damit die noch alle nach Hause kommen, der Tag wird lang…

Lieder und Arrangements werden abgesprochen, allen Bienen ist mittlerweile klar, dass die Hummeln ohne Absprache überall hin nachfliegen werden, mit oder ohne Looping.

Und so kommt denn ein kleines Abschlußkonzert zustande – mit allen Hummeln und Bienen auf der Bühne, mit unterschiedlichsten Instrumenten, mit kleiner und großer Besetzung.


….Fachleute unter sich – Rolf & Jannis


…Abflug…
____________

Nachlese, 4 Wochen später:

Wir haben alle ein paar Tage gebraucht, um das Wochenende zu verarbeiten.
Ende November setzten wir uns zusammen um die Arbeit zu reflektieren, unsere Eindrücke und Erfahrungen auszutauschen.

Was war das?
Besuch von einem andern Stern?
So viele kleine und große Fachleute …

Alle beteiligten Kolleginnen & Kollegen sind sich in der Nachbereitung einig, dass der 19.September ein Pilotprojekt war, dass wir weitermachen wollen, besser vorbereitet, unbedingt mit mehr Zeit, mindestens 2-tägig.

Am Ende des ersten Tages hätte man einen guten zweiten Tag planen können, mit gezielter Unterstützung für verschiedene Instrumente, mit einer Aufteilung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Interessen- und Instrumentengruppen, so dass die jeweiligen besonderen Fähigkeiten der Einzelnen besser gestützt und herausgestellt würden.

Aber !! – auch eine Erkenntnis des Tages – es muss auch Zeit bleiben für „unbeaufsichtigtes“ Musizieren – denn kaum waren wir weg, fingen die Hummeln schon damit an, sich gegenseitig Dinge zu zeigen, auszuprobieren – und und und…

Es ist uns allen wichtig, Sie, die Eltern, zu ermutigen, nicht aufzugeben mit der Suche nach musikalischer Förderung für ihre Kinder.
Suchen Sie nach Musikerinnen und Musikern,
die kein Problem damit haben, ohne abstrakte Zeichen = Noten zu arbeiten,
die kein Problem damit haben, dass ihre Schüler ihnen in mancher Hinsicht überlegen sind (das enorme Melodiengedächtnis, die Fähigkeit, musikalische Inhalte bereits beim ersten Hören zu speichern) –
die kein Problem damit haben, dass gleichzeitig der rational/abstrakte Zugang zur Musik verbaut ist.
Aber ob der notwendig ist, lassen wir dahingestellt sein.

Lehrerinnen und Lehrer, die versuchen, ihre Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, die kein festes Konzept haben, werden große Freude an der Arbeit mit WBS-Menschen haben – die Freude, einmal mit Menschen arbeiten zu dürfen, denen die Musik wichtiger ist als alles andere im Leben, die einfach IMMER gerne musizieren, die nicht motiviert werden müssen, die Musik leben…so wie wir.

Für uns alle steht fest – wir möchten weitermachen.
Wir hatten viel Freude an diesem Workshop und – wir haben viel gelernt.
Wir freuen uns alle auf das nächste Mal, 2016!!!?


Wenn Sie mehr über unsere Schule oder unser Kollegium oder unsere Philosophie erfahren wollen,
stöbern Sie mal hier auf der Homepage….viel Spaß!
Wenn Ihnen zum Workshop was einfällt, Tips, Kritik, Vorschläge, Wünsche für’s nächste Mal (jaja!:-)
– wir freuen uns über jede Rückmeldung an
info@musikschule-horrenberg-dielheim.de